1893

1909
1893
1909
1893
1909
1893
1909
1893
1909
1893
1909
1893
1909
18931909190919091909190919091909190919091909






Wenn es um die Jagd geht, scheiden sich die Geister in Jäger und Nichtjäger. Inglin notiert sich unter dem Stichwort "Brehms Tierleben": "Viele Leser und Bewunderer Brehms aber schütteln den Kopf, wenn sie erfahren, dass dieser grosse Freund und Erforscher der Tierwelt ein leidenschaftlicher Jäger war. Sie können es nicht verstehen. Nur der Jäger versteht es." Nach diesem Gesichtspunkt unterscheidet er an anderer Stelle auch zwei Kategorien von Dichtern: "Schiller, C.F. Meyer, Dostojewski kann man sich nicht als Jäger vorstellen, wohl aber Goethe, Gotthelf, Tolstoi. Man könnte diese zwei Reihen verlängern, und es wäre für Art und Wesen jedes Eingereihten kennzeichnend, wohin er am ehesten gehörte."

Inglin selber gehört sowohl seinem Wesen als auch seiner Herkunft nach zu den Jägern. Schon der Vater war Schütze und Jäger gewesen, und seine Heimkehr von der Jagd, der Geruch "nach Hunden, Tannenharz, erlegtem Wild und feuchter Walderde" und die erhöhte Stimmung zählen zu Inglins stärksten frühen Eindrücken. Auf der Jagd folgt er so auch den Spuren des Vaters; darüber hinaus aber nimmt er teil an einer der ursprünglichsten menschlichen Lebensformen, die er in seiner eigenen spezialisierten Zeit vermisst: "Wer Anspruch darauf macht, ein bedeutender, voller runder Mensch zu sein, der müsste, auf eine einsame Insel verschlagen, die ganze Kultur aus eigener Kraft von neuem aufbauen können, vom Becher, mit dem er trinkt, bis zum Bilde der Gottheit, die er verehrt."

Die Jagd zeigt in den Anforderungen, die sie an den Jäger stellt, von der geduldigen Ausdauer über das gewissermassen handwerkliche Können des Schiessens und die Einfühlungsgabe dem Tier gegenüber bis hin zu jenem "Körnchen Glück, das auch der tüchtigste Schütze bei letzten Entscheidungen nicht entbehren möchte" ausserdem verblüffende Parallelen zu Inglins eigener Kunstauffassung, wo die Sicherheit des sprachlichen Ausdrucks, die Vorstellungskraft und der volle Einsatz zwar unabdingbare Voraussetzungen sind, aber das Gelingen schliesslich ebensowenig herbeizwingen können wie der Jäger am Waldrand das Wild.

Inglin erwähnt, dass Tolstoi mit 56 Jahren "unter grösster Selbstüberwindung" die Jagd aufgegeben habe; er selber freut sich noch über das Jagdpatent, das ihm der Kanton Schwyz zum 60. Geburtstag schenkt, und verzichtet erst 1960 nach dem Tode seines Freundes und Jagdkameraden Albert Gemsch. Neuschnee zu Beginn der Jagdzeit, wie er jedem Jäger gelegen käme, veranlasst ihn gegen Ende seines Lebens zur Bemerkung, er sei eben jetzt auf der Seite der Hasen.